Vatersein in Österreich – Eine empirische Untersuchung im multi-methoden Design
Die vorliegende Studie untersucht die Aspekte des Vaterseins auf möglichst umfassende Art und Weise, insbesondere gehen wir der Frage nach, welche Faktoren ein aktives Vatersein beeinflussen.
In der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussion in Österreich wird aktive Vaterschaft häufig anhand der Beteiligung bei der Inanspruchnahme des Kinderbetreuungsgeldes bzw. der Elternkarenz gemessen. Einen anderen Zugang verwenden Zeitverwendungsstudien, die den exakten zeitlichen Umfang der geleisteten Tätigkeiten als Ausmaß aktiver Vaterschaft verwenden. Die vorliegende Studie erfasst das Ausmaß der aktiven Vaterschaft mit eigens entworfenen Fragebatterien zur Aufteilung der Zuständigkeiten bzw. Verantwortlichkeiten bei kindbezogenen Tätigkeiten zwischen den Elternteilen sowie mit Fragen zum Ausmaß des tatsächlichen Engagements.
Ausmaß, Einfluss- und Hintergrundfaktoren aktiver Vaterschaft wurden mittels Online-Befragung durch das Institut marketagent an 500 Vätern, 250 Müttern und 250 Jugendlichen erhoben. Für die Einordnung und Reflexion der Ergebnisse wurden eine umfangreiche Literaturanalyse und zwei Fokusgruppen mit Vätern durchgeführt.
Väter gaben bei allen abgefragten Tätigkeiten selten an, alleine zuständig zu sein (durchschnittlich 6 % der Väter). Das Ausmaß der Mitverantwortung variierte nach Thema: bei Besorgungen (Gewand, etc.) war das Ausmaß der Zuständigkeit am geringsten (36 %), während bei Fürsorge (Trösten etc.) und bei „weitreichenden Entscheidungen treffen“ eine sehr hohe Mitverantwortung angegeben wurde (83 % bzw. 96 %).
Sehr starkes Engagement bei kindbezogenen Tätigkeiten gaben weniger als ein Viertel der Väter im Bereich „Auf gesunde Ernährung achten“ und rund 60 % der Väter bei „Dem Kind aktive Zuneigung zeigen“ an. In allen Bereichen sind die Werte geringer als bei Müttern, die Differenz ist mit 1 bis 8 %-Punkten am geringsten in den Bereichen „Wissen im Alltag vermitteln“, „Gemeinsam Sport betreiben“ und „Spielen“. Bei über 30 %-Punkten liegt der Unterschied bei „Kind durch Krisen begleiten“, „Kümmern, dass das Kind genug Schlaf bekommt“, „Teilnahme an Elternsprechtagen“, und am größten mit fast 40 %-Punkten ist die Differenz bei „Mit dem Kind über Gefühle sprechen“.
Die Aufteilung der Erwerbstätigkeit wurde als wichtiger Faktor im Zusammenhang mit Väterbeteiligung identifiziert, insbesondere erhöht ein Arbeitsausmaß von mehr als 25 Wochenstunden der Mutter das Ausmaß der Zuständigkeit und Verantwortlichkeit des Vaters. Eine hohe Väterbeteiligung wirkt sich darüber hinaus positiv auf die Partnerschaftsinteraktion aus.
Als Dreh- und Angelpunkt der Väterbeteiligung identifizieren die Literaturanalyse und die Fokusgruppen die exklusive-Vater-Kind Zeit. Sie steht im Einfluss der Erwerbsaufteilung und einer väterlichen Erwerbsunterbrechung und beeinflusst ihrerseits direkt die Väterbeteiligung und Vater-Kind Beziehung.
Mehr als die Hälfte der befragten Väter gibt an, dass sie gerne mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen würden, aber ihnen zu wenig Zeit dazu bleibt, es ihnen oft nicht gelingt, alles unter einen Hut zu bekommen und die Zeit allein mit ihrem Kind besonders wertvoll ist, da ansonsten das Kind auf ihre Partnerin fixiert ist.
Als Wünsche äußern die befragten Väter „mehr Zeit für die Familie“ bzw. „mehr finanzielle Mittel“, um über eine Reduktion der Erwerbstätigkeit ebenfalls die zeitlichen Ressourcen zu erhöhen. Diese Wünsche decken sich mit der von Eltern und Jugendlichen geäußerten Kritik am eigenen Vater. Am weitaus häufigsten wurde „wenig gemeinsame Zeit“ genannt.
Auch die Vorschläge und Ideen zu Maßnahmen zur Väterbeteiligung seitens der befragten Eltern deuten auf den Konflikt um die zeitlichen Ressourcen hin. Entsprechend werden Arbeitszeitverkürzungen (4-Tage- oder 30-Stundenwoche) bei vollem Lohnausgleich, eine Ausweitung der Karenzzeiten und ein Kinderbetreuungsgeld mit höherem Einkommensersatz erwähnt.
Das Ausmaß aktiver Vaterschaft hat Folgewirkungen auf die gesamte partnerschaftliche Aufteilung: ein mehr an Zuständigkeit, Verantwortlichkeit und Engagement erfordert zeitliche und mentale Ressourcen. Möchte man ein konstantes Familienerwerbseinkommen erzielen, muss entweder die väterliche Freizeit und Ruhezeit reduziert oder die Erwerbsbeteiligung der Mutter erhöht werden. Ähnliches gilt für die Karenzbeteiligung: aus einem höheren Väteranteil folgt in den meisten Fällen ein niedrigerer Mütteranteil. Insgesamt beeinflusst eine veränderte Vaterrolle auch die Rolle der Mutter.